Ohne Künstliche Intelligenz – keine großen IT-Zukunftsprojekte

Interview mit Professor Wolfgang Wahlster, Vorsitzender des Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz zu Thema „Wie verändert sich die Arbeitswelt durch Künstliche Intelligenz“ (Bildnachweis: Bosch GmbH, Jim Rakete)

Christoph Steinhauer: Dank Künstlicher Intelligenz können Maschinen zunehmend Tätigkeiten übernehmen, die vorher allein durch Menschen ausgeübt wurden. Droht deshalb in Zukunft die menschliche Arbeitskraft überflüssig zu werden?

Professor Wahlster: Nein, der Mensch steht weiterhin im Mittelpunkt der Arbeitswelt. Künstliche Intelligenz unterstützt den Menschen, aber ersetzt ihn nicht. Dies gilt einerseits für körperliche Arbeiten in der Produktion,  wobei im Zeitalter von Industrie 4.0 Menschen vermehrt Hand in Hand mit kollaborativen Robotern zusammenarbeiten. Andererseits werden auch im Bereich der Sachbearbeitung im Finanz-, Versicherungs- und Steuerwesen immer mehr Softbots einfache Entscheidungen übernehmen, aber komplexe Fälle werden weiterhin von Menschen mit Unterstützung von KI-Systemen gefällt.

Christoph Steinhauer::  In welchen Bereichen wird auf absehbare Zeit der Mensch den Maschinen überlegen bleiben?

Professor Wahlster: Im sensor-motorischen aber auch im sozial-emotionalen Bereich bleibt der Mensch insbesondere durch seinen Common-Sense gegenüber unseren in Spezialgebieten hochperformanten KI-Systemen überlegen. Es ist aber kein Naturgesetz bekannt, auf dessen Basis eine zukünftige Überlegenheit nicht nur im Bereich der kognitiven Intelligenz ausgeschlossen werden kann.

Christoph Steinhauer: Sehen Sie die Notwendigkeit einer strengen Regulierung von Algorithmen und intelligenten Maschinen?

Professor Wahlster: Nein, ein voreilige Regulierung hat  bislang der Forschung in Europa stets massiv geschadet und letztlich zu Wettbewerbsverzerrungen im wirtschaftlichen Wettlauf geführt. Natürlich müssen beim Einsatz intelligenter Systeme ethische Grundsätze berücksichtigt werden, aber das muss immer im konkreten Anwendungsfall entschieden werden und kann nicht an bestimmten Algorithmen abstrakt festgemacht werden.

Christoph Steinhauer: Wo sehen Sie Chancen dieser Technologie insbesondere für die künftige Gestaltung der Arbeitswelt?

Professor Wahlster: Ohne Künstliche Intelligenz können alle unsere großen IT-Zukunftsprojekte nicht realisiert werden: Industrie 4.0, autonome Autos, und Smart Services bauen auf Maschinellem Lernen und wissensbasierten Methoden zum Sprach- und Bildverstehen sowie der automatischen Handlungsplanung und Schlussfolgerung auf.

Das Interview ist erschienen im AGEV-Magazin

Kurz-Vita:

Professor Wolfgang Wahlster hat einen Lehrstuhl für Künstliche Intelligenz (KI) an der Universität des Saarlandes inne und leitet als Vorsitzender der Geschäftsführung mit dem 1988 gegründeten Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz die weltweit größte Forschungseinrichtung auf diesem Gebiet mit über 800 Wissenschaftlern in Saarbrücken, Kaiserslautern, Bremen und Berlin. Seine Forschungen zur KI wurden vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Zukunftspreis des Bundespräsidenten, mit dem Bundesverdienstkreuz erster Klasse und drei Ehrendoktorwürden  Er war Präsident des Weltverbandes für KI mit Sitz in Palo Alto und wurde auf die Wall of Fame als Pionier der KI und die Hall of Fame der größten  IT-Persönlichkeiten als „KI-Papst“ aufgenommen.   Als Mitglied von Beratungsgremien der Bundesregierung wie den Partnern für Innovation und der Forschungsunion hat er Zukunftsprojekte wie Industrie 4.0 und Smart Service Welt mitinitiiert. Mit über 70 erfolgreichen Firmenneugründungen leitet er eines der gründungsaktivsten Forschungszentren und ist in zahlreichen industriellen Aufsichtsräten und Beiräten tätig.

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